Kreatives Schreiben kann man lernen
Schrift:6. September 2008 in Wissen | 7 Kommentare | Artikel drucken
Interessantes Deutsch schreiben
Ein Mann forderte einmal: »Mit einem Erdbeben anfangen und dann langsam steigern.« Der Name des Mannes – Samuel Goldwyn, einer der Gründerväter und Oberbonzen von Hollywood. Diesen Satz sagte er zu seinen Drehbuchautoren. Ein Satz, der unser Fundament ist wie ein interessanter Text gestaltet ist. Ein interessanter Text zeichnet sich aus, indem er die Erwartungen seiner Leser mäßig verletzt und ihrem Verstand eine gewisse Anspannung zumutet.
I. Einen interessanten Text schreiben
Wie also ist ein interessanter Text beschaffen?
- Der Text teilt mir etwas Neues und mich Interessierendes mit. Zumindest zeigt er mir zu einem bekannten Thema einen interessanten Nebenaspekt.
- Er macht es kurzweilig. Das heißt nicht Elemente im Text wegzulassen, sondern Freiheit von Langeweile.
- Der Text ist prall von Sinneseindrücken, Menschen und Beispielen.
- Am besten ist es, wenn der Text mit einem Fazit (einem Aha-Erlebnis) endet, das den Leser beim nächsten Small Talk dazu drängt es weiterzusagen. Hast du gewusst: »American Airlines sparte im Jahr 1987 einen Betrag von 40.000 $, indem sie bei jedem Salat der ersten Klasse eine Olive wegließen.«
So nämlich ließe sich ein Text über die Sparmöglichkeiten in dem Haushalt beginnen. Statt den Leser mit einem Sprung ins kalte Wasser zu überrumpeln, ihn mit Statistiken zu übergießen, könnte er aus dem Fakt, dass die Fluggesellschaft mit einer so kleinen Sparmaßnahme so große Einsparungen machen konnte, seine eigenen Schlüsse ziehen. Angenehme Überraschung durch unvermutete Argumentation. Solche unvermuteten Nebenaspekte gibt es für jedes Thema. Wer danach sucht, der findet sie auch. Einen interessanten Nebenaspekt für »Die Geschichte des Reißverschlusses«?
Auch diesen gäbe es. So könnte man das Interesse der Leser damit wecken:
»Schauen Sie auf Ihren Reißverschluss. Sehen Sie die Initialen YKK? Diese stehen für Yoshida Kogyo Kabushibibaisha, den weltgrößten Reißverschlusshersteller.«
Ein interessanter Text ist prall von Sinneseindrücken, Menschen und Beispielen. Nicht nur, dass Sinneseindrücke einen Text verständlicher machen; sie machen ihn auch interessanter. Wer das treffende Wort gebraucht, gibt uns etwas zu sehen, riechen, hören, beißen. Zur Erinnerung: Wenn ich lauter Birken sehe, werde ich nicht Bäume sagen.
Menschen sind interessanter als Sachen. Sie hauchen den Zeilen Leben ein. Wir sagen nicht: »Die Preise steigen.« Hier entsteht der Eindruck einer schicksalhaften von niemandem zu verantwortenden Eigenbewegung. Nennen Sie die Akteure, die Drahtzieher, die Lachenden oder die Geprügelten beim Namen, anstatt sie im Passiv zu verstecken oder sie in Sachverhalten zu erdrosseln.
Beispiele machen das Komplizierte einfach; sie verbinden das Abstrakte mit dem vertrauten, unserem Leben. Die amerikanische Lebensversicherungsgesellschaft warb nicht mit »Vorbedenklichkeit« und »familiärer Rücksichtnahme«. Nein, sie sagten nur diesen Satz: »Als Noah die Arche baute, regnete es nicht.«
II. Adjektive richten Schaden an!
Adjektive, die Eigenschaftswörter (»die Hinzugefügten« nach dem lateinischen Ursprung), sind die meisten überschätzten und am meisten missbrauchte Wortgattung. Adjektive schaffen Pleonasmen (»Überfluss«) durch zweimal doppelt Gemoppeltes. Blasen Sätze auf, bis sie aus ihren Nähten platzen. Der wichtigste Ratschlag ist: »Weniger ist manchmal mehr.« Hören Sie sich zunächst eine Geschichte von Joshua und seinem Garten an:
Joshua mag seinen Garten. Nach der Arbeit im neu renovierten Büro schwingt er sich oft auf sein Rad und fährt den strömenden Autos der Stadt entgegen zu einem nahe gelegenen Wald. Es war verboten, sich im Wald einen Garten zu halten, Joshua wusste das auch. Sein Garten allerdings war im Wald versteckt. Selbst die hungrigen Eichhörnchen verloren sich auf dem Weg und fanden ihn oft nicht wieder. Seine einzige Sorge war der schwarze Rabe. Joshua nannte ihn seine Elster. Elster richtete in seinem Blumenbeet schwere Verwüstungen an indem er die Samen klaute. Diesmal wollte er das Kriegsbeil begraben und hatte für Elster Sonnenblumenkörner dabei. Nach Zweig und Dickicht stand Joshua auf einer hellen Lichtung. Es duftete nach Tannen und Frische. Seine persönliche Meinung: »Mein Garten ist wie aus einem Märchen.« Den Eingang zu seinem Garten bildeten blühende Linden. Ihre Kronen verbanden sich zu einem grün sprühenden Tor. Wo das Auge hinblickte wuchsen hohe Pilze. Ihre Hüte waren aus bunten Farben und fleckig. Der Boden seines Gartens war weich, das Moos wie ein Teppich, das jeden seiner Schritte dämpfte. Hinter den Linden schlängelte sich durch das stille Moos ein rauschender Bach. Joshua konnte ihn über ein knarksendes Brett überwinden. Hierbei durchquerte er goldene Strahlen, die Ihre Finger durch die Zweige streckten und einigen Schmetterlingen begegneten, die mit ihnen spielten bevor sie dann im warmen Moos versickerten.
Ein wahrhaft schöner Garten Joshua. Um dem Thema treu zu bleiben sind in der Geschichte sechs Adjektiv-Fehler eingebaut. Wollen Sie die Fehler selber finden dann gebe ich ihnen einen kleinen Tipp. Finden Sie Doppelungen. So z.B. »steile Felswände«, denn wenn diese aufhören steil zu sein wird die Wand zum Hang. Andernfalls analysieren wir nun die Fehler. Joshua hat also ein »neu renoviertes Büro «. Ist das nicht kopflos? Man renoviert doch nicht sein Büro, um gleich danach noch mal zu renovieren. Oder ist das »neu« in dem »renoviert« möglicherweise zu viel? Schauen wir einmal weiter. Wir kommen zu Elster, dem »schwarzen Raben«. Auch hier ist die Farbe »Schwarz« zu erwähnen überflüssig. Schließlich gibt es weder einen grünen noch einen blauen Raben.
Elster hat in dem Beet »schwere Verwüstungen« angerichtet. »Schwere« Verwüstungen sind so sinnvoll wie starke Orkane. Und warum eigentlich Plural? Elster hat doch nur eine Verwüstung und nicht fünf oder sechs hinterlassen. Elster hat also das Blumenbeet verwüstet. Nun dürfen wir Elster keine falsche Schuld zusprechen. Es waren nämlich nur Teile des Blumenbeets. So ist das: Wenn ich ein Verbum substantiviere, strecke, in die Mehrzahl versetze und mit einem Beiwort steigere.
Weiter geht’s, denn eine »Lichtung« ist immer »hell« und eine »Meinung« ist immer »persönlich«. Die Hüte der Pilze mögen »bunt« sein, aber »Farben« sind es doch auch schon. Solche Doppelungen vergeuden Platz und Zeit und entlarven den Schreiber als einen solchen, der beim Schreiben nichts gedacht hat. Es ist eine abwegige Vorstellung, dass sich vor jedem Substantiv ein »klaffender« Hohlraum befindet, der unter allen »erdenklichen« Umständen gestopft werden muss. Adjektive sind nur erlaubt, wenn sie unterscheiden: das blaue Kleid, nicht das grüne. Eine weitere Form der Unterscheidung ist die Wertung: Ein sehenswerter Film. Bewirkt das Adjektiv etwas Besonderes kann es ebenfalls stehen bleiben. So z.B. die »goldenen Strahlen« und der »rauschende Bach« aus unserer Geschichte. Das Gold verleiht den Strahlen eine erhabene Atmosphäre, das Rauschen des Baches in eine Einladung an die Sinne des Lesers und verstärkt seine Vorstellungskraft. Ansonsten sind Adjektive nicht nur kommentierend, sondern sie zerdehnen und verwischen das Bild.
So etwas hat Saft, auch ohne unnötige Adjektive:
Von Nacht zu Nacht ziehen sich mehr fahle Stränge durch die grünen Rebhänge: das Weinlaub trocknet vom erkalteten Boden her und färbt sich, während die Beeren reifen und hie und da schon begehrte Edelfäule ansetzen. Von morgens an, wenn der Nebel langsam über die Kuppen wegzieht, knallt es hin und wieder, leicht und trocken. (Süddeutsche Zeitung, 25.11.1978)
III. Gewöhnliche Worte
»Die Rock Islands, Chelbacheb-Inseln, wie ein auftauchender Wal ragen ihre mit frischem Grün überwachsenen Rücken aus dem enzianblauen Meer. Wir standen an dem weißen Strand und schauten auf das glitzernde Meer. Es war ein so…« Ja, was für ein Anblick? Ein gewaltiger, großartiger, grandioser, ein titanischer oder gigantischer? Nein: »Es war ein so schöner Anblick, dass ein Mensch allein ihn nicht behalten wollte.« Man brauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge.
IV. Verben, Verben – mehr Verben!
Balken krachen, Fenster klirren
Richtig gebraucht können Verben einen Text nicht nur interessanter machen; wie Personen in einem Text können sie die Zeilen zum Tänzeln bringen, ihnen Leben einhauchen.
»Welche Verben sind denn erstrebenswert?«
Es sind Verben, die eigentlich nur Menschen benutzen. Verben, die so schlicht und kraftvoll sind wie in Goethes Beschreibung aus der Schweiz: »Der Morgenwind blies stark und schlug sich mit einigen Schneewolken herum und jagte abwechselnd leichte Gestöber an den Bergen und durch das Tal.« So schreibt Goethe nicht: »Er hatte nichts bei sich…«; bei ihm heißt es: »Er fand nichts bei sich um das Verlangen des Kindes zu stillen. «
V. Die Bildersprache
Einen festen Boden betreten wir mit der Bildersprache, der sog. Metapher. Als bloßer Redeschmuck wird sie zu Recht verspottet, wenn das Kamel zum »Wüstenschiff« wird. Um die Sprache allerdings in einem Meer aus Bildern verständlicher und interessanter zu machen, ist die Metapher ein nützliches Sprachwerkzeug. So etwas erzeugt Interesse: »Sie sommerten und winterten sich in der Welt ein.« Hölderlin veranschaulichte die Schrecken der grauen, kalten Jahreshälfte mit nur zwei Bildern:
Die Mauern stehen sprachlos und kalt,
Im Winde klirren die Fahnen
Kraft hat das Gleichnis Arno Schmidts: »Seine Augen leuchteten wie die Scheiben brennender Irrenhäuser.«
VI. Bleiben Sie gelassen
Ein Text zu schreiben ist kein Drahtseilakt. Man muss nicht verzweifelt nach Bildern und Gleichnissen suchen. Das Geheimnis ist entspannt und offen schreiben; nicht zu fixiert. Die Sätze so entstehen lassen, als rauchte man eine Pfeife. Jeder kann schreiben.
Quellen
[1] Wolf Schneider: Deutsch für Profis – Wege zu gutem Stil – 268 Seiten, ISBN-13: 978-3442161751
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Guter Artikel, sehr ausführlich. (tolles Bild im Übrigen :))
“Gut zu schreiben kann man lernen”. Wenn man es gelernt hat, schreibt man dann “Gut schreiben kann man lernen” (ohne zu).
“Schreiben Sie jetzt Ihr Kommentar”? Nein, ich schreibe jetzt nicht mein, sondern mein*en* Kommentar.
Sonst alles in Ordnung.
meltemi
Danke für die Hinweise meltemi.
Hallo Schokoladenes,
wie schon auf wmp bemerkt, ist ein großartiger Artikel. Nur selten würde ich beim Thema deutsch einen so langen Text freiwillig aus interesse verfolgen.
Man merkt wirklich, dass du weißt, wovon du redest. Auch der Aufbau, einfach toll.
- ein kurzer einleitender Satz
- ein passendes Bild
- dann ein schlüssiger, interessanter Text
- und dann am Ende hast du nichtmal vergessen, deine Quellen zu belegen.
Ich bin einfach nur Sprachlos oder “Meine Worte sucht man vergebens, wie die Quelle in der Wüste” (war das ne gute Metapher?? ).
Wünsche dir weiterhin viel Glück
Gruß Sebastian
Also wirklich! Vielen Dank für diesen Beitrag, da könnte sich unsere Deutschlehrerin mal eine Scheibe abschneiden!
Ich werde es versuchen Umzusetzen!
viele Grüße
Gabriel
P.S.: Bist du auch der Mitbegründer von “das-pinke-wort”? Tolle Ideen habt ihr…
Ein sehr interessanter Artikel, den ich gerne gelesen habe und über den ich bestimmt noch nachdenken werde.
Gruß
Bernd
Durch Zufall auf diesen Artikel gestolpert.
Ich werde diese Tipps beherzigen. Sie sind äußerst nützlich.
Danke!
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