Kreatives Schreiben kann man lernen
Schrift:6. September 2008 in Wissen | 7 Kommentare | Artikel drucken
»Am ungewohnten Wort trennen sich die Wege. Stil ist die Abweichung vom Üblichen und Erwarteten.« - Sowinski

Verständliches und interessantes Deutsch schreiben
Der Sinn eines Textes ist doch andere Menschen zu erreichen; ihnen etwas zu sagen. Fängt der Leser an einen Text zu lesen, weiß er üblicherweise weniger als der Autor – warum sollte er ihn sonst lesen. Er betritt ein Labyrinth, bei dem es die Aufgabe des Schreibers ist, dass er sich nicht verirrt. Der Leser darf nicht allein gelassen werden. Er braucht ausgelegte Brotkrumen für einen verständlichen Weg durch den Text. »Die Sprache muss vom Leser verstanden werden, ohne Tricks, ohne Mätzchen, nicht mit Wörtern protzen, nicht auf Glatzen Löckchen drehen. Das ist alles.« So lapidar ist der Rat von Günter Dahl, einem Stern-Redakteur der ersten Stunde. Das Ziel dieses Textes ist Sie von dem Motto »Der Leser wird schon verstehen was ich meine« wegzulocken. Schwerverständlichkeit erweckt keine Ehrfurcht. Sie erlesen hier das Wissen, wie Sie verständliches Deutsch schreiben und jenen Stolperdraht spannen, der schläfrige Leser plötzlich munter macht. Denn falls nicht ausnahmsweise der pure Inhalt faszinierend ist, muss interessantes Deutsch mich motivieren, dem Text treu zu bleiben.
Verständliches Deutsch schreiben
Jeder jemals verfasste Text beginnt mit einem ersten Wort. Es folgt ein zweites Wort. Aber welches Wort? Ein Gedanke, mit dem sich gute Autoren quälen müssen. Andere nehmen sich keine Zeit. Was in die Gedanken kommt wird genommen, basta. Und sie verwirren uns mit Sätzen wie durch den Fleischwolf gejagt. Nichts ist leichter als so zu schreiben, dass kein Mensch es versteht; wie hingegen nichts schwerer ist als bedeutende Gedanken so auszudrücken, dass jeder sie verstehen muss. Wer ein Netz beschreiben will, hat allein dann die Chance verstanden zu werden, wenn er es Linie um Linie tut, in linearen Sätzen.
I. Den Nagel in die Wolke hauen
Um das richtige Hauptwort kämpfen. Das heißt: Wir weichen den abstrakten Oberbegriffen aus wann immer wir das konkrete, besondere Wort kennen. Wenn ich lauter Fichten sehe, werde ich nicht Bäume sagen. Wenn ich Gewitter meine, werde ich mir Unwetter verbieten; habe ich Enten im Sinn, so meide ich das Wort Geflügel. Oberbegriffe sollten nur entweder aus Mangel an Detailkenntnis oder weil es mir wirklich darauf ankommt, Hühner, Enten, Gänse und Truthähne mit einem Begriffsdach zu überwölben. Ansonsten den Nagel in die Wolke hauen.
II. Das treffende Wort
Schwimmende Wörter sind die Nebelmaschinen der Politiker. Wörter, mit denen man weder genau verstanden noch festgelegt werden kann. Der »Stillstand« ist z.B. zum »Null-Wachstum« gewachsen. So etwas ist Tarnung durch Bombast. Wer allerdings verstanden werden will, findet das treffende Wort. Schwerverständlichkeit erweckt keine Ehrfurcht. Oder wie der Philosoph Georg Christoph Lichtenberg sagte »Wenn du einen Ochsen schlachten willst, musst du ihn mitten vor den Kopf hauen«. Nicht am Thema vorbeischreiben, sondern geradeaus darauf zu.
III. Missverständnisse vermeiden
Eine Eigenheit der deutschen Sprache ist, dass wir die Gebrauchsanweisung für einen Satz erst ganz am Schluss bekommen. Die Gefahr dabei ist, dass wir einen Satz auf halbem Weg verstehen, bis wir durch das letzte Wort erfahren, wie wir ihn hätten verstehen sollen. »Die beiden lieben sich« (wie romantisch!) »nicht mehr« (wie schade). »Die Kinder schlugen Ihren Mitschüler« (typisch!) »zum Klassensprecher vor« (ach so). Falsche Zwischensinne zu produzieren verwirren den Leser. Deshalb müssen wir die Weichen für den Satz von Anfang an richtig stellen. »Die Kinder wählten ihren Mitschüler Luca zum Klassensprecher.«
IV. Die Mischung macht’s
Ein Rat an jeden, der verstanden werden will, lautet: Schreibe kurze Sätze. Den Erfolg dieses Ratschlages zeigt die Bildzeitung. Die Redakteure dort arbeiten an der Länge ihrer Sätze. Sie reißen die Buchstabenburgen nieder und präsentieren ihre Artikel in knappen, klaren Sätzen. Die Leser verstehen sofort um was es geht. Kurze Sätze sind nicht deshalb angebracht, weil Leser zu dumm wären, längere Sätze zu verstehen. Kurze Sätze bedeuten, dass der Autor mehr gearbeitet hat. Das Ergebnis von drei Untersuchungen ergibt, dass unser Kurzzeitgedächtnis eine Speicherkapazität von 7-14 Wörtern hat. Alles was darüber hinaus geht wird problematisch.
Aber eine Reihung von nur kurzen Sätzen kann auf den Leser auch einschläfernd wirken. Der Leser braucht Abwechslung. So lässt sich das Optimum an einem verständlichen und eingängigen Deutsch mit mäßig langen und mäßig kurzen Sätzen erzielen.
Wer sich an diesen Ratschlag hält, vermeidet ebenfalls Schachtelsätze. Solche unterbrechen den Lesefluss. Und wer knallt schon gerne mitten im Lauf gegen eine Wand, die erst überklettert werden muss? »Wenn es eine Impertinenz ist, andere zu unterbrechen, so ist es nicht minder eine solche, sich selbst zu unterbrechen«, schreibt Schopenhauer.
V. Hauptsachen sind nicht nebensächlich
Wenn ich in meinem Text Nebensachen erwähne, dann sollten diese auch in den Nebensätzen stehen. »Der Mann, der getötet wurde, war immer sehr freundlich.« Um mitzuteilen, dass der freundliche Mann getötet wurde ist dieser Satz ungeeignet. Die Ermordung steht im Nebensatz und gilt somit als Nebensache. Was aber die Hauptsache ist, muss auch in dem Hauptsatz stehen.
VI. Zahlen schreiben
Die bekannte Faustregel besagt »bis zwölf in Buchstaben und von 13 an in Zahlen. « Eine Faustregel, die viel zu grob ist. Ein Beispiel: »Auf Seite acht dieses Heftes […]«, schreibt der Spiegel. Nun findet man in dem ganzen Heft aber keine Seite acht, sondern nur eine Seite 8. Der Sprachkritiker Wolf Schneider hat einen Versuch gemacht, die unbrauchbare Zunftregel aufzufrischen. Drei erfrischende Faustregeln sollen diese ersetzen:
- Was verglichen werden soll, wird gleich geschrieben: durchweg in Ziffern oder durchweg in Buchstaben. Für den Vertrag stimmten 24 Abgeordnete, gegen ihn 9 (nicht »neun«).
- Was nicht verglichen werden soll, wird ungleich geschrieben. Nach der Setzeregel heißt es: »Zehn Briefmarken zu 50 und 20 zu zehn Cent«; 50 steht für den Wert der Briefmarken, 20 dagegen für die Stückzahl – es fällt schwer, diesen Satz zu verstehen. Für welche Zahlengruppe nehmen wir die Ziffern? Die zehn Briefmarken helfen uns: Zehn Stück sind es und nicht 10. Also kann es nur heißen: »Zehn Marken zu 50 und zwanzig zu 10 Cent.«
- Was nicht exakt gemeint ist, sollte nicht in Ziffern geschrieben werden. Die Schreibweise »1000 Zuschauer« erweckt den Anschein gezählter Personen, 1000 und nicht 1050 – anders als »tausend Zuschauer«.
VII. Schwachkopf, Schwabbelspeck, Krimskrams, Quiek!
Uns mit Details füttern, die nichts bedeuten und nichts beweisen. Keiner wird davon glücklich. Nicht mal der Autor, der sich die unnötige Arbeit hätte sparen können. Durch überflüssige Details gehen Leser verloren. Wer das vermeiden möchte, hält sich an die Forderung von Anton Tschechow: »Jedes Gewehr, das an der Wand hängt, muss auch schließen!« - oder mit anderen Worten: Verschone uns Autor mit der Beschreibung jeder Kanone in deinem Text, die nie knallen wird.
Der Levi hat das Telegramm ohne Worte erfunden. Als nämlich sein Schwiegersohn, der Cohn, ihm telegrafiert »Rebekka glücklich entbunden Sohn«, setzt sich der Levi zornig hin und schreibt: »Rebekka? Kann ich mir denken, wo se is meine einzige Tochter. Glücklich? Kann ich mir auch denken, wenn se hat einen Sohn. Entbunden? Kann ich mir zweimal denken, wie soll se sonst kommen zu einem Sohn! Und Sohn? Das hab ich schon gewusst wie der Bote kam – wärste auf de Post gerannt für eine Tochter? Also schmeiß nicht immer Geld weg für zu lange Telegramme!«
Da hat aber jemand den Ratschlag unnötige Details zu vermeiden etwas zu ernst genommen. Es muss nicht darauf verzichtet werden, den Leser auf sein Thema hinzuführen. Was der Levi aber deutlich gemacht hat ist, unnötige Details zu vermeiden. Wenn es nichts mehr zu sagen gibt, dann möge man auch die Kraft haben zu schweigen.
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Guter Artikel, sehr ausführlich. (tolles Bild im Übrigen :))
“Gut zu schreiben kann man lernen”. Wenn man es gelernt hat, schreibt man dann “Gut schreiben kann man lernen” (ohne zu).
“Schreiben Sie jetzt Ihr Kommentar”? Nein, ich schreibe jetzt nicht mein, sondern mein*en* Kommentar.
Sonst alles in Ordnung.
meltemi
Danke für die Hinweise meltemi.
Hallo Schokoladenes,
wie schon auf wmp bemerkt, ist ein großartiger Artikel. Nur selten würde ich beim Thema deutsch einen so langen Text freiwillig aus interesse verfolgen.
Man merkt wirklich, dass du weißt, wovon du redest. Auch der Aufbau, einfach toll.
- ein kurzer einleitender Satz
- ein passendes Bild
- dann ein schlüssiger, interessanter Text
- und dann am Ende hast du nichtmal vergessen, deine Quellen zu belegen.
Ich bin einfach nur Sprachlos oder “Meine Worte sucht man vergebens, wie die Quelle in der Wüste” (war das ne gute Metapher?? ).
Wünsche dir weiterhin viel Glück
Gruß Sebastian
Also wirklich! Vielen Dank für diesen Beitrag, da könnte sich unsere Deutschlehrerin mal eine Scheibe abschneiden!
Ich werde es versuchen Umzusetzen!
viele Grüße
Gabriel
P.S.: Bist du auch der Mitbegründer von “das-pinke-wort”? Tolle Ideen habt ihr…
Ein sehr interessanter Artikel, den ich gerne gelesen habe und über den ich bestimmt noch nachdenken werde.
Gruß
Bernd
Durch Zufall auf diesen Artikel gestolpert.
Ich werde diese Tipps beherzigen. Sie sind äußerst nützlich.
Danke!
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